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Hokuspokus im Sommerloch

FDP zaubert den Sonntag weg

 

von André Scheer, Ver.di Handel

 

Sonn­tags­al­lianz 19.8.22 — Die Dinge sind in Unord­nung geraten. Lange lebte der „Export­welt­meister“ Deutsch­land gut davon, benö­tigte Rohstoffe zu impor­tieren und zu verbrau­chen, ohne sich über deren Herkunft allzu viele Gedanken machen zu müssen. Doch die Folgen der Pandemie, der Krieg in der Ukraine, die Sank­tionen des Westens gegen Russ­land, die Klima­ka­ta­strophe und so manches mehr haben dazu geführt, dass Liefer­ketten unter­bro­chen, Waren knapp werden. Die Preise explo­dieren, die Regie­rung ruft zum Ener­gie­sparen auf. Die Menschen machen sich Sorgen, wie sie über den Winter kommen

Wenn die Menschen immer mehr Geld für Strom und Wärme bezahlen müssen und zugleich die Preise für Lebens­mittel weiter in die Höhe schießen, ist klar, dass jeder Euro zweimal umge­dreht wird. Auf nicht unbe­dingt notwen­dige Einkäufe wird dann verzichtet, und der Einzel­handel bekommt das bereits jetzt zu spüren. Der HDE, der Arbeit­ge­ber­ver­band des Einzel­han­dels, spricht schon bedroh­lich von einem „Konsum­ein­bruch“, weil die Kundinnen und Kunden im Lebens­mit­tel­handel vermehrt zu güns­tiger Discount-Ware greifen, aber auch den Kauf von Klei­dung oder größere Anschaf­fungen wie Möbel, Elek­tro­ge­räte usw. zurückstellen.

Geld ausgeben, dass die Bürger nicht haben

Als Reak­tion darauf ist man bei der FDP in der Motten­kiste fündig geworden. Der wirt­schafts­po­li­ti­sche Spre­cher ihrer Bundes­tags­frak­tion, Rein­hard Houben, sagte unlängst dem in Berlin erschei­nenden „Tages­spiegel“, dass dem statio­nären Einzel­handel „kurz­fristig durch mehr verkaufs­of­fene Sonn­tage geholfen“ wäre.

Viel­leicht ist Herr Houben neben­be­ruf­lich Zauber­künstler. Dann könnte er uns vorführen, wie man einen Euro zweimal ausgibt. Hokus­pokus und dreimal offener Laden! Wenn die Kundin schon kein Geld für Brot hat, soll sie doch was anderes kaufen — und  zwar am Sonntag.

Einmal Nach­hilfe gefällig? Wenn kein Geld da ist, kann man nichts kaufen. Und wer nichts kaufen kann, geht nicht einkaufen. Das Einmal­eins der Volks­wirt­schaft! Will heissen: man geht nicht am Mitt­woch um 8 Uhr, nicht am Donnerstag um 22 Uhr und auch nicht am Sonn­tag­nach­mittag um 15.00 Uhr —   egal, ob der Laden auf hat oder zu.

Aber das ficht den Herrn Houben nicht an. Der verkaufs­of­fene Sonntag ist sein Stecken­pferd. Schon am 3. März vergan­genen Jahres, als 1700 Jahre freier Sonntag gefeiert wurde, verlangte er dessen Abschaf­fung. Das „Arbeits­verbot an Sonn­tagen“ sei „Ausdruck einer Lebens­rea­lität, die so nicht mehr exis­tiert“, beahuptet er. Vor nicht allzu langer Zeit waren Kinder­abeit und 16-Stunden Tage ohne Urlaub, fehlende soziale Absi­che­rung wie Kranken- und Renten­ver­si­che­rung auch in Deutsch­land noch Realität. Hat es der Markt “gerichtet”, dass diese menschen­feind­li­chen Zustände der Vergan­gen­heit ange­hören?  Heute kommen die Neoli­be­ralen in der Krise wieder mit Uralt-Forde­rungen daher — die Verkäuferin/der Verkäufer und ihre Fami­lien haben auf die Abschaf­fung der Frei- und Fami­li­en­zeit nur gewartet!

Sparen wir Energie – der Sonntag bleibt frei!

Unter den Beschäf­tigten wird in eine ganz andere, nach­hal­ti­gere und fort­schritt­liche Idee disku­tiert: Wenn wir Energie sparen wollen, dann sparen wir uns doch die extrem langen Öffnungs­zeiten — schließen wir die Geschäfte doch nicht erst um 22 oder 23 Uhr, sondern wie früher schon zum Beispiel um 18.30 Uhr. Dann könnte die grelle Leucht­re­klame abge­schaltet, die Klima­an­lage runter­ge­dreht, die Heizung abge­stellt, das Licht ausge­knipst werden. Das wäre eine echte Entlas­tung für Unter­nehmen und Beschäftigte.

 

 

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